Die Grundgriffe der klassischen Massage

Stand: 5. August 2026 · Erfahrungsbericht von Peter Baumann, Massageschule Baumann in Aalen · Lesezeit ca. 8 Minuten

Es sind fünf. Nicht fünfzig. Alles, was in dicken Büchern nach einem eigenen Griff aussieht, ist eine Abwandlung oder eine Kombination dieser fünf. Wer sie versteht, kann eine ganze Massage bauen, ohne je wieder auf einen Spickzettel zu schauen.

Kurzantwort

Die fünf Grundgriffe sind Effleurage (Ausstreichung), Petrissage (Knetung), Friktion (Reibung), Tapotement (Klopfung) und Vibration (Erschütterung). Man beginnt und endet mit der Effleurage. Dazwischen geht es von flächig nach punktuell und wieder zurück. Klopfungen und Vibration braucht eine Wellnessmassage selten.

Warum es sich lohnt, bei fünf Griffen zu bleiben

Bei mir im Kurs kommen regelmäßig Leute an, die vorher Videos geschaut haben, und bringen fünfzehn Namen mit. Harkung, Sägegriff, Schüttelung, Zirkelung. Das ist alles nicht falsch, aber es verstellt den Blick. Denn wenn du dir ansiehst, was die Hand dabei tatsächlich tut, landest du immer wieder bei denselben fünf Bewegungen. Die Harkung ist eine Effleurage mit den Fingerkuppen. Die Zirkelung ist eine Friktion im Kreis. Der Sägegriff ist eine Friktion mit der Handkante.

Das ist keine Wortklauberei, sondern eine praktische Erleichterung. Wer fünf Prinzipien kann, improvisiert. Wer fünfzehn Namen auswendig gelernt hat, sucht während der Massage im Kopf nach dem nächsten Punkt auf der Liste — und das merkt der Gast sofort an den Händen. Der Zusammenhang mit den typischen Anfängerfehlern ist enger, als man denkt: Fast alle davon entstehen aus Unsicherheit darüber, was als Nächstes kommt.

Die fünf Griffe im Überblick

GriffWirkungTypischer Fehler
Effleurage
Ausstreichung
Kontaktaufnahme, Ölverteilung, Beruhigung, Übergang zwischen RegionenZu schnell und zu leicht — die Hand huscht über die Haut, statt mit Gewicht zu gleiten
Petrissage
Knetung
Große Muskelgruppen durcharbeiten, Gewebe geschmeidig anfühlen lassen, WärmegefühlMit den Fingerspitzen zwicken statt mit der ganzen Hand aufnehmen; zu viel Öl, dann rutscht alles
Friktion
Reibung
Gezielt auf kleine Bereiche, langsame Tiefe, punktgenaues ArbeitenZu früh, zu punktuell, zu lange am selben Punkt — und alles aus den Daumen statt aus dem Körper
Tapotement
Klopfung
Anregend, belebend, wacher AbschlussSteife Handgelenke, zu hart, an ungeeigneten Stellen (Wirbelsäule, Nieren, Kniekehle)
Vibration
Erschütterung
Feiner Ausklang einer Region, sanfter Übergang, angenehm bei empfindlichen ZonenAus dem Arm gepresst statt locker erzeugt; hält zwei Sekunden, dann verkrampft alles

Effleurage: der Griff, mit dem alles anfängt und aufhört

Die Ausstreichung ist der unscheinbarste und gleichzeitig wichtigste Griff. Flächig, mit der ganzen Handinnenfläche, langsam, in Richtung Herz. Sie verteilt das Öl, sie kündigt jede neue Körperregion an, und sie ist die Rückfahrkarte: Wann immer du nicht weißt, wie es weitergeht, streichst du aus. Niemand merkt, dass du gerade überlegst.

Der häufigste Fehler ist Eile. Anfänger streichen zwei Mal aus und wollen dann „richtig anfangen". Dabei ist das schon der richtige Anfang. Ich lasse im Kurs oft die ersten zwei Minuten ausschließlich ausstreichen — und fast jeder sagt hinterher, dass das die angenehmste Stelle der ganzen Übung war. Wie viel Gewicht dabei auf der Hand liegen darf, steht ausführlich unter Richtiger Massagedruck.

Die Handfläche-Probe

Streiche einen Rücken einmal so aus, wie du es normalerweise tun würdest. Dann noch einmal, aber halbiere das Tempo und achte darauf, dass die ganze Handinnenfläche Kontakt hat — kein Hohlraum unter dem Handteller, keine abgespreizten Finger. Frag die Person, welcher Durchgang besser war. In meinen Kursen fällt die Antwort seit Jahren gleich aus, und es liegt nie am Druck.

Petrissage: die Arbeit an der Fläche

Die Knetung nimmt Gewebe auf, hebt es leicht an, verschiebt es und lässt es wieder los. Sie ist der Griff für die großen Partien: Schultern, Rückenstrecker, Gesäß, Oberschenkel, Waden. Man arbeitet dabei mit beiden Händen im Wechsel, in einem ruhigen Rhythmus, wie beim Teigkneten — daher der Name.

Zwei Dinge gehen hier gern schief. Erstens das Zwicken: Wer nur mit Daumen und Zeigefinger arbeitet, erzeugt punktuellen Druck an einer Stelle, die dafür nicht gemacht ist. Das ist unangenehm und hinterlässt im ungünstigen Fall Spuren. Nimm stattdessen mit der ganzen Hand auf, Daumen und Handballen als eine Einheit. Zweitens das Öl: Petrissage braucht deutlich weniger davon als Effleurage. Wenn dir das Gewebe ständig durch die Finger rutscht, hast du zu großzügig dosiert — die Auswahl und Menge behandle ich unter Massageöl richtig wählen.

Friktion: langsam, klein, gezielt

Die Reibung ist der einzige wirklich punktuelle Griff. Mit Daumen, Fingerkuppen, Knöchel oder Ellenbogen arbeitet man kleinflächig und langsam, oft kreisend, an einer begrenzten Stelle. Das ist der Griff, den sich Gäste wünschen, wenn sie sagen, sie hätten „so einen Punkt".

Genau deshalb wird er überstrapaziert. Meiner Erfahrung nach ist die Friktion der Griff mit dem schlechtesten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung, wenn man ihn zu früh einsetzt. Ohne vorherige flächige Arbeit trifft man auf Gewebe, das noch nicht bereit ist, und der Körper spannt gegen. Ich halte mich an eine einfache Regel: Friktion erst, wenn ich die Region vorher mindestens zwei Minuten flächig bearbeitet habe. Und nie länger als ein paar Atemzüge am selben Punkt. Wie sich das mit dem Thema Verspannungen verträgt, steht unter Nacken und Schulter.

Kraft aus dem Körper, nicht aus den Daumen

Friktionen sind der schnellste Weg zu überlasteten Daumengrundgelenken. Wer ein Jahr lang alles mit den Daumen macht, spürt das — und zwar dauerhaft. Verlagere den Druck über die Körperposition, nutze Fingerknöchel und Unterarm als Werkzeug und wechsle die Werkzeuge bewusst durch. Die Arbeitshaltung dazu steht unter Ergonomie am Massagetisch. Und bevor du überhaupt gezielt arbeitest: Prüfe, ob die Region freigegeben ist, siehe Kontraindikationen.

Tapotement: der Griff, den man selten braucht

Klopfungen mit lockeren Handkanten, hohlen Händen oder leichten Fäusten sind anregend. Genau das ist das Problem: Eine Wellnessmassage ist auf Ruhe angelegt, und Tapotement zieht in die andere Richtung. Ich setze es fast nur ein, wenn jemand danach noch arbeiten muss oder Auto fährt, und dann kurz — dreißig Sekunden auf dem Rücken, nicht mehr.

Wenn du es einsetzt: Handgelenke locker, sonst wird aus dem federnden Klopfen ein Hämmern. Ausgespart bleiben Wirbelsäule, Nierenregion, Kniekehlen, Nacken seitlich und alles, was knöchern ist.

Vibration: fein und schwer zu dosieren

Die Erschütterung entsteht durch feines, schnelles Zittern der aufgelegten Hand. Sie eignet sich als weicher Ausklang einer Region und für empfindliche Zonen, an denen kräftigere Griffe nicht passen. Ehrlich gesagt ist sie der Griff, der im Kurs am längsten braucht — die meisten pressen ihn aus dem Arm heraus und sind nach zwei Sekunden verkrampft. Der Trick liegt in einem lockeren Schultergürtel und darin, die Bewegung eher geschehen zu lassen als zu machen.

Die Reihenfolge: von flächig nach punktuell und zurück

Das ist der eigentliche Kern. Die Griffe sind kein Baukasten, aus dem man beliebig greift, sondern eine Dramaturgie mit Auf- und Abstieg.

PhaseGriffWas passiert
1. AnkommenEffleurage, sehr langsamKontakt, Öl, erste Orientierung im Gewebe
2. ÖffnenEffleurage mit mehr GewichtWärmegefühl, die Region wird großflächig vorbereitet
3. ArbeitenPetrissageDie großen Muskelgruppen werden durchgearbeitet
4. VertiefenFriktion, gezielt und kurzEinzelne Stellen, langsam, mit Gewicht statt Kraft
5. ZurückkommenPetrissage, ruhigerDas Punktuelle wird wieder in die Fläche eingebettet
6. Ausklang (optional)Vibration, ggf. kurzes TapotementWeicher Abschluss der Region
7. VerabschiedenEffleurage, wieder sehr langsamDie Region wird geschlossen, Übergang zur nächsten

Diesen Bogen fährst du pro Körperregion einmal ab, nicht einmal für die ganze Massage. Rücken: aufbauen, arbeiten, abbauen. Beine: aufbauen, arbeiten, abbauen. Dadurch bekommt jede Region einen erkennbaren Anfang und ein erkennbares Ende, und der Gast weiß jederzeit unbewusst, woran er ist. Wie sich das über eine volle Stunde verteilt, zeigt der Ablauf einer 60-Minuten-Wellnessmassage.

Der erste Griff der Massage und der letzte sind immer Effleurage — und zwar besonders langsam. Der erste, weil ein ruhiger Erstkontakt darüber entscheidet, wie schnell jemand loslässt. Der letzte, weil ein abruptes Ende alles zunichte macht, was in fünfzig Minuten aufgebaut wurde. Ich lasse zum Schluss die Hände noch einmal einige Sekunden ruhig aufliegen, bevor ich sie abhebe. Das kostet nichts und ist der Teil, an den sich Leute erinnern.

Womit man anfängt, wenn man gerade erst anfängt

Wer die fünf Griffe lernen will, sollte nicht alle fünf gleichzeitig üben. Nimm dir Effleurage und Petrissage vor und mach damit eine komplette Rückenmassage. Das reicht für eine vollwertige, angenehme Behandlung — Friktion, Tapotement und Vibration sind Zugaben. Erst wenn diese beiden ohne Nachdenken laufen, kommt der Rest dazu. Welche Massageart als Einstieg sinnvoll ist, habe ich unter Welche Massageart zuerst lernen beschrieben.

Häufige Fragen

Welche Grundgriffe gibt es?

Effleurage, Petrissage, Friktion, Tapotement, Vibration. Alles andere sind Abwandlungen dieser fünf.

Mit welchem Griff beginnt man?

Mit der Effleurage, langsam und flächig. Mit ihr endet die Massage auch wieder.

In welcher Reihenfolge kombiniert man die Griffe?

Von flächig nach punktuell und wieder zurück — pro Körperregion einmal dieser Bogen.

Was ist der häufigste Anfängerfehler?

Zu schnell arbeiten und zu früh punktuell werden. Tempo herausnehmen verändert am meisten.

Braucht man Klopfungen überhaupt?

In der Wellnessmassage selten. Sie sind anregend und passen schlecht zu einer ruhigen Behandlung.

Wie lange bleibt man bei einem Griff?

Länger, als es sich anfangs richtig anfühlt. Mehrere Durchgänge über dieselbe Bahn, nicht einer.

Wie viel Öl braucht man?

So viel, dass die Ausstreichung gleitet, und so wenig, dass die Knetung noch greift. Lieber nachlegen.

Kann man die Griffe allein üben?

Den Bewegungsablauf ja, den Rest nicht. Rückmeldung und Arbeitshaltung bekommt man nur zu zweit.

Quellen und Anlaufstellen

  • Eigene Erfahrungen aus Praxis und Kursleitung seit 2012, Massageschule Baumann
  • Berufsgenossenschaft (BGW) — Hinweise zu Belastungen der Hand- und Daumengelenke in körpernahen Berufen
  • Heilpraktikergesetz (HeilprG), § 1 — Grenze zwischen Wellnessanwendung und Heilbehandlung

Erfahrungsbericht, keine medizinische Beratung. Die Beschreibungen der Griffe sind praktische Orientierung für die Wellnessmassage und keine therapeutische Anleitung. Bei gesundheitlichen Beschwerden gehört der Gast in ärztliche Abklärung. Stand dieser Seite: 5. August 2026.

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Griffe versteht man mit den Händen, nicht mit den Augen

Im Kurs übst du jeden Griff abwechselnd an und mit anderen — und Fragen, die dieser Text offen lässt, klären wir direkt an der Liege. Dafür ist die Gruppe klein genug: maximal fünf Personen.

Massieren lernen im Grundkurs