Wirbelsäule und Tabuzonen: wo die Hände nichts verloren haben

Stand: 5. August 2026 · Erfahrungsbericht von Peter Baumann, Massageschule Baumann in Aalen · Lesezeit ca. 8 Minuten

Die Wirbelsäule ist die auffälligste Linie am Rücken, und deshalb legen Anfänger die Daumen fast reflexhaft genau dorthin. Sie ist tatsächlich die wichtigste Orientierung, die man am Tisch hat — nur arbeitet man nicht auf ihr, sondern daneben. Das gilt für eine ganze Reihe weiterer Stellen am Körper, und die kennt man besser vor der ersten Massage als danach.

Kurzantwort

Auf die Dornfortsätze kommt kein Druck — gearbeitet wird beidseits daneben auf den Rückenstreckern. Ausgespart oder nur flächig überstrichen werden Nierenlager, seitlicher Hals, Achselhöhle, Ellenbeuge, Kniekehle, Leiste und Steißbein. Manipulationen an der Wirbelsäule — Einrenken, gezieltes Knacken — sind keine Wellnessmassage und gehören in ärztliche oder physiotherapeutische Hände. Diagnosen, die ein Gast mitbringt, werden aufgenommen, nicht bewertet.

Was man an der Wirbelsäule tatsächlich tastet

Wer mit der flachen Hand über einen entspannten Rücken fährt, spürt in der Mitte eine Reihe kleiner Erhebungen. Das sind die Dornfortsätze — die nach hinten zeigenden Ausläufer der Wirbelkörper. Sie ziehen als durchgehende Kette vom Nacken bis zum Kreuzbein. Am deutlichsten ist der Übergang vom Hals zur Brustwirbelsäule: Wenn der Gast den Kopf leicht nach vorn neigt, tritt dort ein besonders kräftiger Fortsatz hervor, der als Orientierungspunkt taugt.

Rechts und links davon läuft je eine Rinne, und darin liegt das, was man eigentlich sucht. Genau eine bis zwei Fingerbreit neben der Mittellinie — das ist eine grobe Orientierung, kein Maß, denn Menschen sind unterschiedlich gebaut — beginnt die lange Muskulatur, die den Rumpf aufrichtet. Sie ist die eigentliche Arbeitsfläche einer Rückenmassage.

Die Dornfortsätze selbst sind kaum von Weichteilen gedeckt. Es liegt Knochen praktisch unmittelbar unter der Haut. Wer dort Druck aufbaut, drückt Haut gegen Knochen, und das ist für fast jeden Menschen unangenehm — bei schlanken Gästen sofort, bei kräftigeren nach ein paar Sekunden. Dazu kommt, dass sich dort schlicht nichts gewinnen lässt: Es gibt keinen Muskel, den man erreichen könnte, und die Bandstrukturen zwischen den Fortsätzen sind kein Ziel einer Wellnessmassage. Man tut also etwas, das wehtut und nichts bringt. Das ist der ganze Grund.

Die Rückenstrecker sind die Arbeitsfläche

Die aufrichtende Rückenmuskulatur läuft als kräftiger Strang beidseits der Wirbelsäule vom Becken bis zum Nacken. Sie ist bei den meisten Menschen gut zu ertasten, und sie verträgt ordentlichen Druck. Hier arbeite ich mit Handballen, Unterarm und — sparsam — mit den Daumen, langsam von unten nach oben, dann seitlich zurück. Welche Muskeln man am Rücken sonst noch kennen sollte, steht in Muskeln, die du kennen musst; wie sich der ganze Ablauf zusammensetzt, in Rückenmassage: Aufbau.

Ein praktischer Nebeneffekt: Wer sich angewöhnt, immer beidseits parallel zu arbeiten, kommt gar nicht in die Versuchung, mittig zu drücken. Die Hände haben eine feste Bahn, und die Mittellinie liegt dazwischen. Über sie hinweg darf man flächig streichen — eine ausstreichende Bewegung mit der ganzen Handfläche über den ganzen Rücken ist völlig unproblematisch. Punktuell darf dort nichts passieren.

Die Tabuzonen im Überblick

Ich nenne sie im Kurs bewusst Tabuzonen und nicht „Vorsichtsbereiche“, weil die klare Ansage im Kopf besser hängen bleibt. Praktisch gibt es zwei Abstufungen: Zonen, die ganz ausgespart werden, und Zonen, über die man flächig hinwegstreicht, ohne dort Druck aufzubauen.

ZoneWarum heikelWie ich es mache
Dornfortsätze der WirbelsäuleKnochen direkt unter der Haut, druckempfindlich, kein Muskel erreichbarbeidseits daneben arbeiten, mittig nur flächig überstreichen
Nierenlager, unterer seitlicher Rücken unterhalb der letzten Rippentiefliegende Organe, nur von Muskulatur gedecktflächig und leicht, kein punktueller, kein stoßender Druck
Seitlicher Halsgroße Gefäße, Nervenbahnen, Schilddrüse dicht unter der Hautnur sanft und flächig, kein Kneten in die Tiefe, kein Zug am Kopf
AchselhöhleNerven-Gefäß-Bündel, Lymphknoten, hohe Intimschwelleaussparen; der Rand des großen Brustmuskels ist die Grenze
EllenbeugeGefäße und Nerv oberflächlichflächig überstreichen, nicht hineindrücken
KniekehleGefäße und Nervenstrang oberflächlich, Lymphknoten, keine Arbeitsflächeaussparen, ober- und unterhalb weiterarbeiten
LeisteGefäße, Lymphknoten, Intimzonekomplett aussparen, Oberschenkel endet handbreit davor
Steißbeinknöchern, druckempfindlich, dicht an der Intimzoneaussparen, seitlich davon flächig arbeiten
BauchOrgane, hohe Intimschwellenur nach ausdrücklicher Zustimmung, sehr sanft und flach kreisend
Brustkorb vornIntimzoneaussparen, Abdeckung bleibt geschlossen
Frische Narben, Hautveränderungen, Schwellungen, Entzündungszeichenungeklärt, gehört ärztlich beurteiltaussparen und sachlich zur Abklärung raten

Nierenlager

Der Bereich unterhalb der letzten Rippen, seitlich der Wirbelsäule, ist der einzige Ort am Rumpf, an dem man von hinten mit relativ wenig Gewebe dazwischen auf innere Organe zielt. Klopfungen, Hackungen und tiefe Punktarbeit haben dort nichts verloren. Flächiges, ruhiges Ausstreichen ist unproblematisch und fühlt sich für die meisten Gäste sogar besonders angenehm an — es ist eine Region, die im Alltag kaum berührt wird.

Seitlicher Hals

Der Nacken hinten und der Übergang zur Schulter vertragen kräftige Arbeit. Sobald man aber nach vorn seitlich wandert, wird es dünn: Dort liegen große Gefäße, Nervenbahnen und die Schilddrüse knapp unter der Haut. Ich streiche dort mit der flachen Hand, mehr nicht. Kein Daumendruck, kein Kneten in die Tiefe, keine ruckartigen Bewegungen und kein Zug am Kopf. Wie man Druck überhaupt dosiert und woran man merkt, dass er zu viel wird, steht ausführlich in Richtiger Druck.

Achselhöhle, Ellenbeuge, Kniekehle, Leiste

Diese vier haben dasselbe Muster: Es sind Beugefalten, an denen Gefäße, Nerven und Lymphknoten dicht beieinander und ungewöhnlich oberflächlich liegen. Es gibt dort keine Muskulatur, mit der zu arbeiten sich lohnen würde, und der Körper meldet Druck an diesen Stellen fast immer als unangenehm zurück. Bei Achsel und Leiste kommt die Intimschwelle dazu — auch ein Gast, der nichts sagt, registriert es sehr genau, wenn eine Hand dorthin wandert.

Aussparen, ohne dass ein Loch entsteht

Das häufigste Problem im Kurs ist nicht, dass jemand in die Kniekehle drückt, sondern dass der Ablauf stockt: Die Hand hebt kurz ab, setzt oberhalb wieder auf, und der Gast spürt genau diesen Bruch. Die Lösung ist einfach — der Kontakt bleibt, der Druck geht weg. Ich fahre mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiter und nehme über der heiklen Zone nur das Gewicht heraus, sodass die Hand fast schwerelos darüber gleitet. Dahinter baue ich den Druck wieder auf. Von außen sieht das aus wie ein durchgehender Zug, und genau so fühlt es sich auch an. Wer das dreimal am Bein übt, macht es danach automatisch.

Wenn ein Gast Druck auf die Wirbelsäule wünscht

Der Satz fällt regelmäßig: „Können Sie da auf der Wirbelsäule mal richtig reindrücken?“ Meine Antwort ist immer dieselbe und dauert zehn Sekunden. Ich sage, dass dort Knochen direkt unter der Haut liegt, dass Druck darauf wehtut und nichts bringt — und dass das, was er meint, mit ziemlicher Sicherheit die Muskelstränge links und rechts daneben sind. Dann arbeite ich dort deutlich kräftiger, und in aller Regel ist die Frage damit erledigt.

Falls nicht, bleibt es beim Nein. Ein Gast darf sich alles Mögliche wünschen; ich muss es nicht ausführen. Das ist keine Unhöflichkeit, sondern der Kern des Handwerks: Ich entscheide, was ich fachlich verantworten kann. Wer den Unterschied zwischen Wellnessmassage und therapeutischer Arbeit sauber kennt, kann das auch ruhig sagen — nachzulesen in Was ein Wellnessmasseur darf.

Knacken ist kein Ziel

Gezielte Manipulationen an der Wirbelsäule — einrenken, „einrichten“, mit Schwung ein Knacken erzeugen — sind keine Wellnessmassage. Sie setzen eine ganz andere Ausbildung, eine vorherige Abklärung und eine Berufserlaubnis voraus und gehören in ärztliche oder physiotherapeutische Hände. Dass es bei jemandem „immer so schön knackt“, ist kein Argument und kein Qualitätsmerkmal. Wer danach sucht, verlässt den Bereich, für den er ausgebildet ist — mit allem, was daran hängt. Die Grenze der Berufsbilder ist in Wellnessmasseur oder medizinischer Masseur beschrieben.

Begriffe, die Gäste mitbringen

Menschen kommen mit Wörtern auf die Liege, die sie irgendwo aufgeschnappt haben. Die Versuchung, darauf fachlich einzusteigen, ist groß — und sie ist der schnellste Weg in eine Aussage, die ich nicht treffen darf. Meine Regel: aufnehmen, notieren, nicht bewerten. Der schriftliche Teil davon gehört in den Anamnesebogen, dort steht die Antwort dann auch schwarz auf weiß.

Was der Gast sagtWas ich nicht sageWas ich sage
„Ich habe eine Skoliose.“„Da ist Ihr Becken schief.“„Danke, das notiere ich. Ich arbeite beidseits neben der Wirbelsäule, ganz normal und eher sanft.“
„Ich habe eine Blockade im Rücken.“„Die löse ich Ihnen.“„Ich kann die Muskulatur drumherum in Ruhe durchmassieren. Alles, was am Gelenk selbst gemacht wird, gehört zur Physiotherapie.“
„Meine Bandscheibe macht Probleme.“„Dann massiere ich das weg.“„Gibt es dazu eine ärztliche Empfehlung? Solange die nicht vorliegt, bleibe ich sanft und spare den Bereich aus.“
„Mein Ischias ist eingeklemmt.“„Da drücke ich mal drauf.“„Ausstrahlende Beschwerden gehören abgeklärt. Ich mache heute nur eine ruhige, flächige Massage.“
„Ein Wirbel steht raus.“„Ja, sehe ich auch.“„Das kann ich nicht beurteilen. Ich taste mich vor und arbeite in dem Bereich flächig.“
„Können Sie mal einrenken?“„Klar, kurz durchatmen.“„Nein, das mache ich nicht — das ist ärztliche und physiotherapeutische Arbeit.“

Die mittlere Spalte ist der eigentliche Lernstoff. Jeder Satz darin ist entweder eine Diagnose oder ein Versprechen, und beides steht mir nicht zu. Was bei Vorerkrankungen und Auffälligkeiten sonst noch zu beachten ist, steht in Kontraindikationen.

Häufige Fragen

Darf man direkt auf die Wirbelsäule drücken?

Nein. Die Dornfortsätze liegen als knöcherne Reihe unmittelbar unter der Haut und sind kaum von Weichteilen gedeckt. Druck darauf ist unangenehm bis schmerzhaft und bringt nichts, was man nicht daneben besser bekäme. Gearbeitet wird beidseits der Mittellinie auf den Rückenstreckern. Über die Mittellinie selbst darf man flächig und leicht hinwegstreichen.

Warum ist die Kniekehle eine Tabuzone?

In der Kniekehle liegen Gefäße und ein größerer Nervenstrang sehr oberflächlich, dazu Lymphknoten. Es gibt dort keine Muskulatur, die man sinnvoll bearbeiten könnte, und punktueller Druck ist für die meisten Menschen sofort unangenehm. Ich arbeite oberhalb und unterhalb weiter und streiche über die Kniekehle nur flächig und leicht hinweg.

Was mache ich, wenn ein Gast ausdrücklich Druck auf die Wirbelsäule wünscht?

Ich mache es nicht und sage kurz, warum: Da liegt Knochen direkt unter der Haut, das tut weh und bringt nichts. Danach zeige ich, was stattdessen geht — kräftige Arbeit auf den Muskelsträngen links und rechts daneben. In aller Regel ist genau das gemeint, wenn jemand sagt, er wolle Druck auf der Wirbelsäule.

Darf ich beim Massieren die Wirbelsäule einrenken oder knacken lassen?

Nein. Manipulationen an der Wirbelsäule sind keine Wellnessmassage. Sie gehören in ärztliche oder physiotherapeutische Hände und setzen eine ganz andere Ausbildung sowie eine vorherige Abklärung voraus. Ein Knacken ist kein Ziel, kein Qualitätsmerkmal und nichts, was man suchen sollte.

Ein Gast sagt, er habe eine Skoliose. Was bedeutet das für mich?

Für mich bedeutet es vor allem: Ich bewerte es nicht. Ich nehme die Angabe im Vorgespräch auf, notiere sie und massiere im üblichen Rahmen — sanft, beidseits neben der Wirbelsäule, ohne die Form korrigieren zu wollen. Wer eine Skoliose behandelt haben möchte, gehört in ärztliche und physiotherapeutische Betreuung, nicht auf meine Liege.

Wie erkläre ich Tabuzonen, ohne den Gast zu beunruhigen?

Beiläufig und im Voraus, in einem Satz: Ich spare Kniekehlen, Achseln und die Leiste aus, da liegen empfindliche Strukturen. Das klingt nach Sorgfalt, nicht nach Gefahr. Mitten in der Behandlung eine Erklärung nachzuschieben wirkt dagegen so, als sei gerade etwas passiert.

Darf ich am seitlichen Hals arbeiten?

Nur flächig und sehr sanft. Am seitlichen Hals liegen große Gefäße, Nervenbahnen und die Schilddrüse dicht unter der Haut. Kneten in die Tiefe, punktueller Daumendruck und Zug am Kopf haben dort nichts zu suchen. Der Nacken hinten und der Übergang zur Schulter sind die Bereiche, in denen man kräftiger arbeiten kann.

Was gilt am Steißbein und am Gesäß?

Das Steißbein selbst bleibt frei: knöchern, druckempfindlich und dicht an der Intimzone. Die Gesäßmuskulatur darf man kräftig bearbeiten, aber nur nach ausdrücklicher Zustimmung und mit sauberer Abdeckung. Wer unsicher ist, lässt die Region weg — der Ablauf leidet nicht darunter.

Quellen und Anlaufstellen

  • Eigene Erfahrungen aus Praxis und Kursleitung seit 2012, Massageschule Baumann
  • Gängige Lehrbuchdarstellungen der Oberflächenanatomie von Rücken, Hals und Extremitäten
  • Heilpraktikergesetz (HeilprG), § 1 — Grenze zur Ausübung der Heilkunde
  • Masseur- und Physiotherapeutengesetz (MPhG) — Zuständigkeit für manuelle Verfahren an Gelenken und Wirbelsäule
  • Behandelnde Ärztin oder behandelnder Arzt sowie Physiotherapiepraxen als Anlaufstelle bei Beschwerden

Erfahrungsbericht, keine medizinische Beratung und keine Diagnose. Die Angaben zu Zonen und Vorgehensweisen sind praktische Orientierung aus der Wellnessmassage und ersetzen keine anatomische Ausbildung und keine ärztliche Auskunft. Bei Beschwerden, Schwellungen, Hautveränderungen oder ausstrahlenden Symptomen gehört der Gast in ärztliche Abklärung. Manipulationen an der Wirbelsäule sind ärztliche und physiotherapeutische Arbeit. Stand dieser Seite: 5. August 2026.

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Tabuzonen tastet man einmal ab — dann sitzt es

Im Wellnessmassage-Kurs gehe ich diese Zonen am Menschen durch: Wir suchen die Dornfortsätze gemeinsam, finden die Rinne daneben und üben den Übergang über Kniekehle und Achsel, bis er von selbst sitzt. Fragen dazu klären wir direkt am Tisch, nicht auf dem Papier. Maximal fünf Personen pro Gruppe.

Massieren lernen im Grundkurs