Oxytocin und Massage: was die Studienlage hergibt

Stand: 7. August 2026 · Erfahrungsbericht von Peter Baumann, Massageschule Baumann in Aalen · Lesezeit ca. 8 Minuten

In Massagekreisen kursieren viele Behauptungen darüber, was im Körper angeblich passiert. Die meisten davon sind unbelegt. Zu einer Sache gibt es allerdings eine ordentlich gemachte Untersuchung — und die ist interessant genug, dass man sie kennen sollte. Samt ihrer Grenzen.

Kurzantwort

Eine randomisierte kontrollierte Studie mit 95 Personen fand nach 15 Minuten Massage höhere Oxytocin-Werte und niedrigere Werte für ACTH, Stickstoffmonoxid und Beta-Endorphin — verglichen mit einer Gruppe, die nur ruhte. Gemessen wurden Hormonwerte im Blut, nicht Wohlbefinden, nicht Gesundheit. Es geht um den Zustand direkt nach einer einzelnen Anwendung. Was daraus für regelmäßige Massagen folgt, ist Vermutung, kein Ergebnis.

Was Oxytocin ist

Oxytocin ist ein Hormon, das der Körper selbst herstellt. Gebildet wird es im Hypothalamus, einem Bereich des Zwischenhirns, und über die Hirnanhangdrüse ins Blut abgegeben.

Bekannt geworden ist es durch seine Rolle bei Geburt und Stillzeit. Später zeigte sich, dass es auch in ganz anderen Situationen ausgeschüttet wird: bei Umarmungen, bei ruhiger Berührung, im vertrauten Kontakt zwischen Menschen. Daher der volkstümliche Name Kuschelhormon oder Bindungshormon.

Dieser Spitzname ist griffig, aber irreführend. Oxytocin ist kein Glücksschalter. Es wirkt je nach Situation unterschiedlich, und die Forschung dazu ist längst nicht abgeschlossen. Wer es als „das Hormon, das glücklich macht" verkauft, vereinfacht so stark, dass es falsch wird.

Warum das für dich als Masseurin überhaupt relevant ist

Nicht als Verkaufsargument — dazu gleich mehr. Sondern weil Gäste fragen. „Warum bin ich danach immer so müde?" oder „Stimmt das mit den Glückshormonen?" Auf solche Fragen eine ehrliche, unaufgeregte Antwort zu haben, wirkt souveräner als jede Broschürenformel.

Was die Studie gemacht hat

Die Untersuchung stammt von Vera Morhenn, Laura Beavin und Paul Zak und erschien 2012 in Alternative Therapies in Health and Medicine. Der Aufbau war schlicht und gerade deshalb aussagekräftig:

PunktUmsetzung
Teilnehmer95 Personen, Frauen und Männer
Aufteilung65 Massagegruppe, 30 Kontrollgruppe, zufällig zugeteilt
Massagegruppe15 Minuten Massage mit mittlerem Druck am oberen Rücken
Kontrollgruppe15 Minuten ruhiges Ausruhen
MessungBlutentnahme direkt vor und direkt nach den 15 Minuten
Gemessene WerteOxytocin, ACTH, Stickstoffmonoxid, Beta-Endorphin

Der entscheidende Punkt ist die Kontrollgruppe. Ohne sie wüsste man nicht, ob die Veränderungen einfach daher kommen, dass jemand eine Viertelstunde ruhig liegt. Mit ihr lässt sich der Unterschied auf die Massage zurückführen.

Was dabei herauskam

WertWas er anzeigtNach der Massage
Oxytocin (OT)Hormon, das bei Nähe und Berührung freigesetzt wirdgestiegen
ACTHBotenstoff der Stressachse, regt Cortisolausschüttung angesunken
Stickstoffmonoxid (NO)unter anderem an der Gefäßweitstellung beteiligtgesunken
Beta-Endorphin (BE)körpereigener Botenstoff, unter anderem bei Schmerz beteiligtgesunken

Die Unterschiede zur Ruhegruppe waren statistisch bedeutsam — sie lassen sich also nicht gut durch Zufall erklären.

ACTH ist dabei der Wert, der die meisten am ehesten interessiert. Das adrenocorticotrope Hormon stammt aus der Hirnanhangdrüse und veranlasst die Nebennierenrinde, Cortisol auszuschütten. Es gehört damit zur körperlichen Stressantwort. Ein Absinken wird üblicherweise so gelesen, dass diese Achse gerade heruntergefahren wird.

Und jetzt das Wichtige: was die Studie nicht zeigt

Hier trennt sich seriöse Information von Werbung. Vier Dinge, die man nicht hineinlesen darf:

Was oft behauptet wirdWas die Studie tatsächlich hergibt
„Massage baut Stress ab"Gemessen wurde ein Hormonwert, nicht Stress. ACTH ist ein Marker, kein Gefühl.
„Massage macht glücklich"Stimmung wurde gar nicht erhoben. Kein Fragebogen, keine Befindlichkeitsskala.
„Regelmäßige Massagen wirken nachhaltig"Untersucht wurde eine Massage über 15 Minuten. Über Wiederholung sagt der Aufbau nichts.
„Wissenschaftlich bewiesen"Eine Studie ist ein Hinweis. Belastbar wird ein Befund durch unabhängige Wiederholung.

Dazu kommt: Die Gruppen waren ungleich groß, 65 gegen 30. Das ist zulässig, aber nicht ideal. Und die Zeitschrift, in der die Arbeit erschien, ist im Wissenschaftsbetrieb nicht besonders gewichtig. Nichts davon macht die Studie wertlos — es heißt nur, dass man sie als das nehmen sollte, was sie ist: ein sauber gemachter, interessanter Einzelbefund.

Was sich daraus vernünftig folgern lässt

Und trotzdem — es wäre albern, so zu tun, als sage das Ergebnis nichts. Meine Einschätzung, ausdrücklich als solche gekennzeichnet:

Wenn eine einzelne Viertelstunde Massage messbare Veränderungen an Werten auslöst, die mit Nähe und mit der Stressachse zu tun haben, dann ist es naheliegend, dass Menschen, die sich regelmäßig eine solche Auszeit nehmen, davon auch auf der Ebene des Erlebens etwas haben. Ruhe, Zuwendung, ungeteilte Aufmerksamkeit, eine Stunde ohne Telefon — das ist für viele im Alltag selten geworden.

Bewiesen ist das durch diese Studie nicht. Es ist eine plausible Vermutung, die zu dem passt, was Gäste ohnehin berichten. Genau so — als Vermutung, nicht als Tatsache — sollte man es auch aussprechen.

Wo die rechtliche Grenze verläuft

Über eine Studie zu berichten ist etwas anderes, als mit ihr für das eigene Angebot zu werben. Sobald eine Formulierung nahelegt, deine Massage erziele eine gesundheitliche Wirkung oder beeinflusse Beschwerden, bewegst du dich im Bereich des Heilmittelwerbegesetzes — auch dann, wenn du dich auf eine echte Studie berufst. „Wissenschaftlich belegt" auf einer Angebotsseite ist genau die Art Aussage, die abgemahnt wird. Ausführlich in Erlaubte Wirkaussagen auf Website und Flyer und Was ein Wellnessmasseur darf.

Wie du im Gespräch damit umgehst

Besser nichtTrägt
„Massage senkt nachweislich deine Stresshormone."„Viele empfinden es als sehr entspannend. Es gibt Untersuchungen, die dabei kurzfristige Veränderungen im Blut gemessen haben."
„Das schüttet Glückshormone aus."„Berührung wirkt auf den Körper — was genau dabei passiert, ist noch nicht vollständig erforscht."
„Wissenschaftlich bewiesen."„Es gibt eine Studie dazu, die ich interessant finde. Bewiesen ist damit noch nichts."
„Das reguliert deinen Hormonhaushalt."„Ich verspreche dir keine Wirkung. Ich verspreche dir eine Stunde Ruhe und saubere Arbeit."

Der letzte Satz ist der, den ich im Kurs am häufigsten weitergebe. Er ist ehrlich, er verspricht nichts Unhaltbares — und er verkauft trotzdem, weil genau das der Grund ist, warum Menschen wiederkommen.

Häufige Fragen

Was ist Oxytocin?

Ein körpereigenes Hormon aus dem Hypothalamus, das über die Hirnanhangdrüse ausgeschüttet wird. Bekannt durch Geburt und Stillzeit, freigesetzt auch bei Umarmungen und ruhiger Berührung. Der Spitzname Kuschelhormon vereinfacht stark.

Was hat die Studie untersucht?

95 Personen, zufällig aufgeteilt: 65 bekamen 15 Minuten Rückenmassage, 30 ruhten. Blutabnahme vorher und nachher. In der Massagegruppe stieg Oxytocin, ACTH sank.

Was ist ACTH?

Das adrenocorticotrope Hormon aus der Hirnanhangdrüse. Es regt die Nebennierenrinde zur Cortisolausschüttung an und gehört zur körperlichen Stressantwort.

Beweist die Studie, dass Massage gesund macht?

Nein. Gemessen wurden Hormonwerte, nicht Gesundheit, nicht Stimmung, nicht Krankheitsverläufe.

Gilt das auch für regelmäßige Massagen?

Aus dieser Studie nicht ableitbar. Untersucht wurde eine einzelne Anwendung von 15 Minuten.

Darf ich damit werben?

Vorsicht. Sachlich berichten ist etwas anderes als für das eigene Angebot werben. Sobald es nach Wirkversprechen klingt, greift das Heilmittelwerberecht. Im Zweifel anwaltlich klären.

Was kann ich einem Gast ehrlich sagen?

Dass viele es als angenehm und entspannend erleben und dass es Untersuchungen zu kurzfristigen körperlichen Veränderungen gibt. Nicht: dass Massage Stress abbaut oder Hormone reguliert.

Wie belastbar ist eine einzelne Studie?

Sie ist ein Hinweis, kein Beweis. Belastbar wird ein Befund erst durch unabhängige Wiederholung.

Quellen und Anlaufstellen

  • Morhenn V, Beavin LE, Zak PJ: Massage increases oxytocin and reduces adrenocorticotropin hormone in humans. Alternative Therapies in Health and Medicine, 2012, 18(6), Seiten 11–18. PMID 23251939
  • Heilmittelwerbegesetz (HWG) — Grenzen für gesundheitsbezogene Werbeaussagen
  • Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) — Irreführungsverbot
  • Eigene Erfahrungen aus Praxis und Kursleitung seit 2012, Massageschule Baumann

Erfahrungsbericht, keine medizinische und keine Rechtsberatung. Dieser Text gibt den Inhalt einer einzelnen wissenschaftlichen Untersuchung wieder und ordnet ihn ein. Er ist weder eine Aussage über gesundheitliche Wirkungen von Massage noch eine Empfehlung, mit solchen Aussagen zu werben. Bei gesundheitlichen Fragen ist die ärztliche Praxis zuständig, bei Werbeaussagen eine Rechtsanwältin oder ein Rechtsanwalt. Stand dieser Seite: 7. August 2026.

Kostenloser Ratgeber: Wie mache ich mich selbständig als Wellnessmasseur?
Kostenloser Ratgeber · PDF

Wie mache ich mich selbständig als Wellnessmasseur?

Gewerbe, Preiskalkulation, die ersten Kunden — der Leitfaden, den ich mir selbst gewünscht hätte, als ich 2012 angefangen habe. Kommt sofort per E-Mail.

Kein Spam. Deine Daten gehen an niemanden weiter.

Wirkung verspricht man nicht — Handwerk schon

Im Kurs lernst du, was du tust und warum. Und wie du darüber sprichst, ohne dir Ärger einzuhandeln. Maximal fünf Personen pro Gruppe, damit für solche Fragen auch Zeit bleibt.

Massieren lernen im Grundkurs